Kreistanz und Trauer

Blogbeitrag für Alle reden über Trauer, initiiert von Silke Szymura

Wenn ein Mensch in unserer Umgebung stirbt, bekommt unsere Welt Risse. Der Welt scheint still zu stehen und auch die eigene Lebendigkeit und Beweglichkeit friert buchstäblich ein. Alles scheint leer und sinnlos. In lauter Trauer – das ist ein wundervoller Gedanke. In lauter Trauer sein – das ist gar nicht so einfach, wenn die stille, unterdrückte Trauer nicht nur die Norm ist, sondern ja auch das gelernte Verhaltensmuster, wenn ich trauere. Dazu kommt für mich, dass oft die Worte fehlen, mich der Tod sprachlos macht.

Kreistänze sind für mich eine wundervolle Möglichkeit, die Trauer auf ihre Art laut werden zu lassen und mich dabei gleichzeitig ohne viele Worte mit anderen Menschen zu verbinden. Das ist auf dem Papier nicht einfach zu beschreiben. Hier also ein Versuch der Annäherung.

Wenn ich tanze, komme ich in Bewegung. Das gilt für meinen Körper, aber auch für meine Gefühle. Kreistänze laden dazu ein, nicht alleine zu sein mit meiner Trauer, sondern gemeinsam zu tanzen. Ich kann also Freunde einladen, mit denen ich mich verbunden fühle. Damit gebe ich der Trauer erstmal einen Ort und einen Raum. Um beim Tanzen eine Orientierung zu haben, gestalte ich die Mitte gerne mit Tüchern, Symbolen, Blumen und Kerzen. Wenn ich um jemanden trauere, lege ich Dinge in die Mitte, die mich an die Person erinnern. Aber auch allgemeine Symbole, die mir Kraft geben. Vielleicht steuern die Mittänzerinnen auch etwas bei. Durch diese Vorbereitung fange ich an, die Trauer zu gestalten. Ich bin aktiv und komme schon ein kleines bisschen wieder in Fluss.

Aber kommen wir zu den Tänzen selber und ihrer Wirkung. Ein Kreistanz hat eine vorgegebene Schrittfolge. Zusammen mit der Musik ergibt sich daraus ein Gefühl. Gerade höre ich die Musik eines albanischen Tanzes – die Musik klingt nach Liebeslied, die Schritte wiegen weich im Walzertakt – zum Schwelgen und verliebt sein. Diesen Tanz auf einer Beerdigung zu tanzen – das könnte die Hommage an die Liebe sein, die mich zu einem Menschen verbunden hat. Wahrscheinlich würde ich im ersten Moment denken – das geht doch nicht, das tut mir viel zu sehr weh! Aber vielleicht liegt hinter der Trauer, die dann sicher beim Tanzen dabei ist auch die Freude darüber, dieses Gefühl zusammen mit dem geliebten Menschen erlebt zu haben. Dann wird der Tanz zu einer Erinnerung an das Leben, das wir zusammen hatten.

Dieser eine Tanz ist natürlich nicht alles. Aus einer Fülle von Tänzen und damit Gefühlen kann ich diejenigen auswählen, die zu mir, dem Verstorbenen und auch der Gruppe, mit der ich tanze, passen. Damit kann ich verschiedene Aspekte des Erinnerns an den Menschen und meine Beziehung zu diesem Menschen genauso einbeziehen wie die Wut, die laute Trauer, als auch die Ahnung, dass durch diesen Verlust, so schmerzlich er auch im Moment sein mag, etwas Neues in meinem Leben entstehen kann und wird.

Inzwischen ist die Musik bei einem Tanz aus Rumänien angekommen. Es geht langsam los, viele Geigen und eine Frauenstimme, die durch Mark und Bein geht. Musik und Schritte werden immer schneller im Laufe des Tanzes. Während ich mich am Anfang noch ruhig umschaue, mache ich am Ende schnelle, kleine Schritte mit vielen Stampfakzenten. Der Tanz ist wie ein Sog – er macht mir die Unausweichlichkeit der Situation bewusst. Eindrücklich ist für mich beim Tanzen  jedes Mal, dass mir die Mitte, um die ich tanze, wie das Auge des Sturms vorkommt – ganz ruhig und still. So wie sich vielleicht die Trauer zu Beginn angefühlt hat. Im Tanz bin ich der Sturm – und komme dadurch auch an meine Wut und die Verzweiflung.

Danach folgt ein sehr ruhiger Tanz zu klassischer Musik – ein Oboen Konzert. Die Schritte sind sehr reduziert, wir bewegen uns auf der Kreislinie, mal vorwärts, mal rückwärtsgehend und mit vielen Wiegeschritten. Ich gehe buchstäblich hinein in die Trauer, dahin wo keine Worte mehr sind. Es ist tröstlich und stärkend, dies zusammen mit Freunden zu tun. Als die Musik verklungen ist, bleiben wir noch eine ganze Weile schweigend stehen. Wir halten uns an den Händen, wir bilden einen Kreis. Eine unendliche Linie. So unendlich wie der Kreislauf des Lebens, der uns überall begegnet und von dem wir ein Teil sind. Das wird mir durch diesen Tanz bewusst: es geht immer weiter. Auch wenn der geliebte Mensch nicht mehr da ist im Hier und Jetzt muss das nicht heißen, dass wir nicht mehr in Beziehung sind.

Der nächste Tanz, sehr zart und mit Schritten, die ich zum Teil in die Luft setze, als wolle ich eine Brücke betreten, die es nur in meiner Vorstellung gibt, sagt mir: ja, das Unmögliche ist möglich. Das Unmögliche, der Tod eines geliebten Menschen ist geschehen. Das Unmögliche ist möglich: es war irgendwo unmöglich und wahnsinnig schön, diesen Menschen in meinem Leben gehabt zu haben. Und das Unmögliche wird möglich sein: wir bleiben verbunden, das Leben geht weiter. Auch ich werde irgendwann wieder hüpfen und springen können.

Durch die Tänze habe ich in Zeiten der Trauer, wo oft alles still zu stehen scheint und auf dieses eine Ereignis fixiert, die Chance, das große Ganze zu sehen. Ich erlebe unterschiedlichste Gefühle und auch wenn ich dadurch in dem Moment erstmal nur schmerzlich merke: Freude geht im Moment gar nicht für mich erfahre ich doch: es gibt dieses Gefühl immer noch in der Welt. Tänze sind da für mich – wie hilfreiche Geister, die mir in Momenten, in denen das Leben aus den Fugen gerät immer genau das sagen, was ich gerade brauche: Schritt für Schritt – sei zart mit Dir – das Leben geht weiter…. Das alles sind nur Worte. Wenn ich sie aber körperlich erlebe, gibt mir das eine ganz andere Sicherheit, weiterzugehen.

Das heißt nicht, das Tanzen ein Wundermittel ist, das den Trauerprozess in irgendeiner Weise abkürzt – so nach dem Motto: tanz‘ ein Kreistanzritual, dann geht es Dir wieder gut. Das auf keinen Fall. Meine Erfahrung ist die, dass sie dabei helfen, das, was so unfassbar ist, doch irgendwie zu begreifen. Und zwar auf der körperlichen und der emotionalen Ebene. Eben da, wo so wenige Worte sind.

Ich danke Dir für’s Lesen und Mitschwingen und freue mich über Deine Gedanken und Kommentare zu diesem Thema.

Ein Gedanke zu „Kreistanz und Trauer“

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